Einst saß ein Mann an einem sonnigen Frühlingstag in seinem Garten und studierte die Schriften einer seiner Meister. Die Lehren handelten von den Botschaften des Lebens, Ungeduld, Reue, Glauben, Ziele, den Weg zum Glück, den Sinn des Daseins und das Vertrauen, welches wir alle in das Leben haben müssen, um in der Lage zu sein, im Augenblick zu leben.
Der Mann erinnerte sich daran, dass er bereits einmal einen solchen Moment erlebt hatte, der seinem Leben eine deutliche Wendung verliehen und realisierte, wie weit er sich durch die Sorgen des Alltags wieder davon entfernt hatte. Er beschloss, sich sofort in dieses Bewusstsein zu begeben und sich darin zu üben, das, was ihm künftig widerfahren würde, als dankbare Geschenke anzunehmen. Jetzt spürte er die Verbundenheit mit dem Kosmos und allem Leben wieder. In seinen Augen sammelte sich Wasser, formte sich zu Tränen, die ihm mit jedem Wimpernschlag die Wangen hinunter purzelten. Glückstropfen hatte eine Tante sie in seiner Kindheit genannt. Er kostete jeden von ihnen aus, spürte den Weg nach, den sie über sein Gesicht geronnen waren und danke dem Universum für diesen Moment. Er spürte, dass er wieder im Hier und Jetzt war und konnte sich erneut in das Geschriebene seines Meisters vertiefen.
Einige Zeit später kam ein Insekt herbeigeflogen. Der Mann blickte von seiner Lektüre auf, da er einen Schatten in seinem Gesichtsfeld wahrgenommen hatte. Es näherte sich ihm direkt von vorne mit moderater Geschwindigkeit. Er wusste zunächst nicht, um was für ein Tier es sich handelte, es war pelzig, zudem schwarz mit ein paar orange-gelben Farbtupfern an Kopf und Hinterteil. Es war definitiv keine Wespe, auch keine Fliege, wie er an der Art der Flugbewegung erkannte. „Vielleicht ist es eine sehr kleine Hummel, eine besondere Wildbiene oder Schwebfliege“, mutmaßte er.
Das Insekt hatte großes Interesse an ihm. Flog erst in Richtung seiner Socken, deren pinkfarbene Streifen verführerisch wie eine Blüte leuchteten. Doch es beobachtete sie nur, tänzelte mal vor und zurück und kam langsam seinem linken Arm näher. Der Mann mochte nicht, wenn ihn Insekten umschwirrten, gleich welcher Art sie waren, noch weniger, wenn sie Anstalten machten, sich auf ihm niederzulassen. Zu oft war er in seiner Kindheit gestochen worden, auch wenn dies meist aus Unachtsamkeit oder seiner Panik heraus geschehen war. Er war inzwischen gelehrig genug, dass er erkannt hatte, dass, wenn man sich ruhig verhielt, die Insekten schnell das Interesse verloren und blieb in seinem Stuhl liegen. Als das Insekt keine Anstalten machte, von ihm abzulassen, hielt er es mit einem Mal nicht mehr aus, sprang auf und suchte sich in einiger Entfernung einen sicheren Beobachtungsplatz. Mittlerweile war er sich sicher, dass es sich um eine Biene handeln musste, auch wenn er sich nicht daran erinnern konnte schon einmal so ein Exemplar gesehen zu haben. Unwahrscheinlich war es nicht, hatte er in den vergangenen Jahren immer mehr ihm unbekannte Insektenarten beobachten können, warum sollte es keine Art sein, die ihm bislang verborgen geblieben war? Und da er nicht einschätzen konnte, wie gefährlich es für ihn werden könnte, konnte er sein Flüchten vor sich selbst gut rechtfertigen. Die Biene ließ sich auf der linken Armlehne nieder, putzte sich zunächst um anschließend ihren Sitzplatz zu beschnüffeln und abzulecken. Der Mann fand dies ein sehr eigenartiges Verhalten, konnte er sich nicht vorstellen, warum sie das tat, was sie dort vorfand, was sie zum Verweilen animierte. Noch seltsamer war es, als sie nach kurzer Zeit zu der anderen Armlehne wechselte und dort dasselbe tat. Ein Verdachtsmoment keimte in ihm auf: ‚Das sind Stellen, die ich berührt habe‘ und sofort war der Gedanke wieder entschwunden, weil er sich wieder auf die Aktivität des Insekts konzentrierte. Sie wirkte nicht aggressiv, nur seltsam interessiert an Dingen, die Bienen eigentlich nichts angingen. „Der ganze Garten ist voller blühender Blumen und Blüten, warum lässt sie sich nicht dort nieder und labt sich an den Blütenpollen oder an den Wasserstellen, die ich für die Insekten aufgestellt habe?“ Er erkannte, dass sich keine Pollenklöschen um ihre Beine trug. War es eine Drohne?
Endlich ließ sie vom Stuhl ab, doch statt sich der üppigen Natur zuzuwenden, flog sie geradewegs auf den Mann zu. Er schlug einen schnellen Haken, und lief einige Schritte weiter auf die Wiese, um erneut eine beobachtende Position einnehmen zu können. Während die Biene sich wieder auf der Armlehne niederließ, begann der Mann die Situation zu reflektieren. Er schämte sich für sein Verhalten, eben noch hatte er beschlossen, wieder im Jetzt zu sein und alles zu akzeptieren, was ihm widerfahren würde und mit einem Mal benahm er sich irrational, als ob der größte Säbelzahntiger vor ihm stehen würde. Dann schlug in seinem Bewusstsein eine Erkenntnis ein – dieses Insekt war seine Prüfung, eine Prüfung, die direkt von Gott kam, weil er so vermessen gewesen war zu glauben, alles akzeptieren zu können, was ihm widerfahren würde. Dieses Wesen hatte eine Botschaft für ihn. Doch ihm war nicht klar, wie er an sie herankommen sollte, das Insekt konnte schließlich nicht seine Sprache sprechen. Musste er zulassen, dass sie sich auf ihm niederließ und abzuwarten, was dann passieren würde? Die Biene hatte ihn wieder im Visier, folgte ihm unaufhaltsam. Jeden Haken, den er schlug, parierte sie, hielt ihn in Schach. Einen großen Bogen schlagend, rannte der Mann ins Haus, auf dem Weg spürte er einen leichten Kitzel, als sie seinen Arm berührte, er warf die Tür hinter sich ins Schloss, damit sie ihm nicht folgte. Kurze Zeit später flog sie sogar vor seiner Scheibe hin und her, von der aus er sie beobachtete. Ihn schauderte, denn er konnte sich nicht erklären, was gerade vor sich ging. „Was willst du von mir? Warum fliegst du nicht einfach weiter?“, rief er sogar laut aus, aber die Biene, die nicht verstehen konnte, was er rief, verschwand nicht. Er schimpfte sich selbst einen Feigling, war er doch zu der Erkenntnis gelangt, dass er auf die Probe gestellt wurde und es war ihm unmöglich, die Herausforderung anzunehmen. Er haderte mit sich, ob er nicht doch noch einmal den Versuch wagen sollte, ins Freie zu gehen, aber etwas hielt ihn zurück, er konnte sich nicht überwinden. Welche Chance würde er verpassen, welche Erkenntnis ihn nie erhellen?
Der Mann blieb im Haus. Auch wenn er noch so neugierig war, was passieren würde, wenn er sich dem Insekt stellte, er war weiterhin blockiert, eine intrinsische Angst, die er nicht beschreiben konnte, hatte ihn gepackt. Die Vorkommnisse empfand er als ein bedeutsames Zeichen, daher beschloss er, das Erlebte in Form einer Geschichte aufzuschreiben. Als er an die Stelle kam, in der er ins Haus gegangen war, fiel ihm auf, dass sie kein Ende haben würde, wenn er nicht hinaus ginge. Da er nach wie vor nicht wagte, den Garten wieder zu betreten, erdachte er sich ein Ende, das ihm in dem Zusammenhang sinnvoll erschien:
Der Mann überwand seine Angst, verließ das Haus und blickte sich um. Die Biene schien verschwunden zu sein. Gut, dachte er sich, jetzt kann ich mich ohne Störung meiner Lektüre widmen und das Ende des warmen Nachmittags genießen. Was hatte er sich nur wieder eingebildet! Kaum, dass er in seinem Stuhl saß, kamen Zweifel in ihm auf, seine Gedanken kreisten nur um das eben Erlebte, er war vollkommen fixiert auf seine Verfolgerin, suchte mit Blicken jeden Winkel ab, an dem sie sich zuvor aufgehalten hatte, denn, warum hätte sie auf einmal verschwinden sollen, wenn sie ihm doch geschickt worden war, um ihm eine Botschaft zu überbringen? Das Geschehene war real gewesen, er hatte es sich nicht eingebildet. Definitiv nicht eingebildet war der brennende Schmerz im rechten Unterarm, der ihn augenblicklich durchfuhr. Normalerweise hätte er in einer reflexartigen Bewegung mit der anderen Hand auf die Stelle geschlagen, doch in diesem Moment ging lediglich sein Blick in Richtung der schmerzenden Stelle. Dort saß die schwarze Biene, ihr Antlitz ihm direkt zugewandt. Er konnte gar nicht anders, als sie zu fixieren und trotz des Schmerzes, empfand er Mitleid, da die deutlich langsamen Bewegungen des Tieres ihm bedeuteten, dass es nur noch einen Augenblick zu leben hatte. Ihm schien, als schaute sie ihn direkt an. Doch, ganz bestimmt, das tat sie! Gleich darauf hörte er eine Stimme in seinem Kopf: ‚Du hast in den vergangenen Tagen immer wieder Wassernäpfe aufgestellt, weil es so trocken ist. Du hast erkannt, wie wertvoll wir kleinen Lebewesen sind, bist eine Verbindung mit dem großen Ganzen eingegangen und ich habe deine Liebe gespürt. Ohne das Wasser wäre ich längst gestorben. Auch wenn du keine Notiz von mir genommen hast, hast du mir in einer großen Not geholfen. Ich spürte, dass du ein gutes Herz hast. In das habe ich mich verliebt. Jeden Morgen und jeden Abend habe ich dich beobachtet, wenn du mit der Gießkanne kamst, manchmal extra, weil dir wieder einfiel, dass du die Näpfe vergessen hattest. Es kam mir vor, als ob du das nur für mich getan hast, das wollte ich dir immer sagen. Ich habe einen Weg gesucht, mich bei dir zu bedanken und dafür gab es nur diese einzige Möglichkeit.
Du hast mir deine wertvolle Zeit geopfert, dafür habe ich dir das Kostbarste geschenkt, was ich zu geben hatte – mein Leben! Nur so konnte ich dir mitteilen, wie wichtig du für mich warst. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit miteinander verbringen können. Doch nun ist meine Zeit gekommen zu gehen.‘
Die Biene blieb reglos auf seinem Arm liegen. Der Mann bettete sie behutsam in ein Blumenbeet, ignorierte den Schmerz, entfernte den Stachel aus der brennenden Wunde an seinem Arm und legte ihn zu ihr, damit sie vollständig den Weg in die andere Welt gehen konnte. Von einem Rosenbusch schnitt er die prachtvollste Blüte ab, die er finden konnte und bedeckte mit ihr das kleine Grab, sprach ein kurzes Gebet und verblieb noch im Garten, bis die Dunkelheit hereinbrach.
Der Mann blickte von seiner Schreibmaschine auf. Inzwischen war es Abend geworden, statt Bienen und Hummeln schwirrten jetzt Motten und Stechmücken umher, kein Grund für ihn, noch einmal den Garten zu betreten, um nach der Biene Ausschau zu halten. Er war so tief in seine erfundene Geschichte abgetaucht, dass er am nächsten Morgen nicht mehr wusste, was davon er wirklich erlebt hatte. Auch als er den Garten betrat, kam die Biene nicht mehr wieder. Eigenartigerweise lag eine intakte aber leicht verwelkte Rosenblüte auf einem seiner Beete.
*
Was der Mann gemutmaßt hatte, stimmte nicht. Er war Schriftsteller und hatte für eine lange Zeit keine einzige Zeile geschrieben, was ihn in die Verzweiflung und Krankheit getrieben hatte. In dem Moment, als er sich wieder bewusst machte, dass man sich vertrauensvoll dem Leben hingeben muss, hatte ihm Gott die Biene gesandt und seine Schreibblockade war gebrochen. So hatte sie ihren Zweck erfüllt, lebte und labte sich den ganzen Sommer an einer herrlichen Blütenpracht und kam immer wieder gerne in den Garten des Mannes zurück, um an den Wassernäpfen zu trinken, die er nach wie vor überall aufstellte.
Eine so WUNDERvoll vielschichtige Geschichte! Mit ganz feinen Tönen…
Sehr schön und anregend 🍀
Sehr schön geschrieben – deine Geschichte?
Sooo schön 🥰