Fortsetzung meines Gästebucheintrags (Buch IV) vom 28. Mai 2026 in Odins Mühle.

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Die Stuten stehen derzeit auf der Weide unmittelbar vor dem Haus, während die Wallache sich im kleinen Waldstück auf der anderen Seite des Tals aufhalten. Von der Terrasse aus konnte ich sehen, dass ein paar von ihnen den Hügel hinabgestiegen und in Richtung Wassertrog gelaufen sind. Ein passender Moment für den ersten Kontakt finde ich. Vorsichtig betrete ich das Terrain der Eselinnen. Einige stillen bereits ihren Durst, andere bearbeiten mit wahrer Inbrunst und äußerst synchron einen Salzleckstein. Gleichzeitig, ohne Gerangel. Ganz gelassen. Die meisten schauen nicht einmal zu mir auf und ich bleibe in respektvollem Abstand. Sie betrachten mich als den Fremdkörper, der ich für sie auch bin. Und ich lasse sie dort, wo sie sind, versuche mich nicht aufzudrängen, stehe mitten zwischen ihnen, beobachte und werde beobachtet. Immer noch bin ich nicht in ihrem Fokus, bemerkt haben sie mich, aber ich scheine weder interessant noch gefährlich zu sein. Eine beeindruckend große Spanierin (oder ist es eine Bulgarin?), stapft zurück auf den Hügel, im Gegenzug traben zwei sehr keine Braune direkt auf mich zu. „Aha, ihr seid also die Mutigen“, entfährt es mir. Vorsichtige Neugierde trifft auf ebenso vorsichtige Annäherung, bis meine Handrücken allerweichesten Flaum der Oberlippen spüren dürfen. Freund! Noch nicht ganz, aber vorsichtig befreundet auf jeden Fall, und in Stereo. Köpfe reiben seitlich an meinen Hüften. Derart eingekuschelt, fahre ich entlang der zarten Hälse über den immer struppiger werdenden Rücken bis zu den Hinterteilen, die fast kahl sind, Popokratzen gefällt allen Eseln. Doch ich bin vorerst nur ihr Durchgangsbahnhof, sie trotten weiter zur Wasserstelle.

Jetzt möchte ich mehr und folge einem der Trampelpfade auf den Hügel, die begehrten Schattenplätze der vorderen Bäume sind belegt, meine großzügigen Streicheleinheiten werden angenommen. Unter den langen Strähnen ist das Fell feuchtwarm, schon eigenartig, wie die Natur das eingerichtet hat, entstammen sie doch Gegenden, in denen es oft noch heißer sein kann. Ein bisschen traurig sehen sie aus, finde ich, aber sicherlich ist das nur meine Projektion, sie wirken ganz und gar nicht unzufrieden, einfach nur entspannt. Mein Blick schweift über das Gelände, wo finde ich denn nun die vielen charakteristischen Silhouetten? Die Heuraufe ist nicht belegt und auf der weiten Wiese bis hoch zum Zaun hin, sind weder weiße Schnauzen noch lange Ohren zu sehen.

„Mehr Schatten – mehr Eselinnen“, denke ich. Und tatsächlich finde ich am Ende des Geländes unter den großen Eichen einig Zotteltiere, denen ich weitere Streicheleinheiten zukommen lassen kann. Damit bahnt sich etwas an, woran ich im Traum nicht zu denken gewagt hätte. Plötzlich kommen immer weitere zu mir gelaufen, ganz gemächlich, aus dem kleinen Schuppen, der als Unterstellplatz dient und gar nicht so groß wirkt, läuft eine Eselin nach der anderen in meine Richtung und nimmt Kontakt zu mir auf. Auf einmal bin ich umringt von ihnen. Wie verhält man sich richtig, in so einem Gewimmel? Ich weiß es nicht und folge meiner Intuition. Schnell wird mir klar, welche Rivalitäten es gibt, aber selbst die finden auf einer eher sanften, deutlich unauffälligeren Art statt, als vermutet.

Eine beeindruckend große Stute hat zu mir gefunden, bei ihrem Stockmaß fällt mir eine Umarmung schwer. Meine Hand streicht über den mächtigen Wangenknochen weiter in Richtung Hals. Ich lasse sie weiter unter die Mähne wandern, am Gegendruck ist Wohlwollen zu fühlen. Je länger der Kontakt dauert, desto intensiver wird die Verbindung. Ich drücke meine Nase an den Hals des Tieres und atme tief ein: frisches Heu, Gras, Sand, warmes Fell. Als ich ausatme, legt die Riesin ihren Kopf auf meine Schulter und reibt ihn sanft gegen den meinen. So viel Vertrauen! Eine junge, zarte Verliebtheit, eine harmonische Verschmelzung, das ist die Fülle des Lebens, der Schöpfung, ein ganzer Kosmos steckt jetzt in diesem einen winzigen Augenblick. Der Film Avatar kommt mir in den Sinn, so weit daher geholt ist das gar nicht, nur, dass wir eine andere Verbindungsschnittstelle haben, als die Na‘vi. Ich spreche mit ihr, dabei ist es mir nicht wichtig, einen Namen zu kennen, den ihr irgendjemand gegeben hat. ‚Meine große Schöne‘ scheint ihr zu reichen und wie die anderen, sind letztlich alle Stuten meine Schönen und alle Jungs meine Hübschen. Ein deutlicher Stupser in meine Seite erinnert mich daran, dass wir kein zweisames Tête-à-Tête haben, es stehen schon ein paar weitere an, die ebenfalls etwas Zuwendung haben wollen.

Als mein Magen zornig zu knurren anfängt, sagt mir der Blick auf die Uhr, dass fast drei Stunden vergangen sind. Zeit, in der so gut wie nichts passiert ist – und doch irgendwie alles. Das nenne ich echte Entschleunigung. Wie gut, dass heute erst Tag eins meines Aufenthalts ist und ich noch keinen Abschied nehmen muss. Ich lasse mir unendlich viel Zeit beim Zurückgehen, denn eine stattliche Schar an Followerinnen umringt mich, bis ich den Hügel verlassen habe.

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